Der größte Wettbewerbsvorteil im heutigen Geschäftsleben ist nicht die Technologie – sondern wie intelligent Sie Ihre Mitarbeitenden einsetzen. Künstliche Intelligenz (KI) kann diesen Vorteil vervielfachen, aber nur, wenn der Mensch an erster Stelle steht. Denn Systeme kann man über Nacht kopieren, doch ein starkes, engagiertes Team bleibt der eine Vorsprung, den Ihnen Ihre Konkurrenz niemals nehmen kann.
Ein weiser Mentor sagte mir einmal, dass KI nur dann nützlich ist, wenn sie intelligent genutzt wird. Wenn die intelligente Nutzung fehlt – bei KI oder den meisten Produkten – bleibt entweder Nutzlosigkeit oder ein Risiko. Sogar eine Zahnbürste ist gefährlich, wenn sie falsch verwendet wird.
Stellen wir die richtigen Fragen?
Wenn wir fragen, ob KI die neue Revolution ist, ob sie unsere Personalkosten halbieren oder uns die Arbeitsplätze wegnehmen wird, dann stellen wir die falschen Fragen.
Es ist höchste Zeit, uns daran zu erinnern, dass KI für ihre Rolle in Wirtschaft und Gesellschaft noch in den Kinderschuhen steckt, dass das Pendel immer ausschlägt, dass das Neue sich fast immer ins Gleichgewicht und in Symbiose mit dem Vorhandenen einfügt und dass KI tatsächlich nicht im Alleingang die Menschheit in zweiköpfige Aliens verwandeln wird – ebenso wenig wie frühere Innovationen wie das Telefon und das Internet.
Nur Menschen können eine Gesellschaft verändern. Die Beziehung zwischen Gesellschaft und KI ist heute eine frühe Romanze, keine Ehe, und sie hat all die Leidenschaft und das Ungleichgewicht der ersten Liebe.
Nehmen Sie KI weg und Sie haben … eine Welt ohne KI. Nehmen Sie Waschmaschinen weg, haben Sie eine Welt voller Wäscheberge und Waschbretter. Nehmen Sie das elektrische Licht fort, steht eine ganze Gesellschaft Schlange, um Kerzen zu kaufen. Aber was bleibt übrig, wenn Sie die Menschen wegnehmen?
Gar nichts. Eine heulende, leere Welt voller schlafender Computer, stiller Waschmaschinen und Berge unbenutzter Kerzen.
Deshalb stehen Menschen immer an erster Stelle, werden immer das Wichtigste sein – und deshalb sollten Sie als Führungskraft Ihren letzten Cent und Ihr letztes bisschen Energie für Ihre Mitarbeitenden aufwenden. Jeder kann Ihr IT-System kopieren, dieselbe KI kaufen, die Sie gekauft haben, dieselbe Marke Waschmaschine oder energiesparende Beleuchtung verwenden. Aber niemand kann Ihre Belegschaft kopieren – es sei denn, Sie führen so schlecht, dass Sie sie verlieren. Aus diesem Grund ist der Mensch immer der letzte wahre Wettbewerbsvorteil, den Sie im Geschäftsleben haben.
Wenn der kurzfristige Erfolg so hell strahlt, dass wir das große Ganze aus den Augen verlieren
Kluge Menschen und gesunde Teamdynamik sind auch der Schlüssel zu intelligenter Nutzung. Wir alle müssen neue Technologien wie KI verstehen, sobald sie auf den Markt kommen, und niemand behauptet, wir sollten der Rolle von KI beim Aufbau von Organisationen weniger Beachtung schenken als Kerzen oder Waschbrettern. Aber der richtige Aufbau von Unternehmen, Teams und kleinen wie großen Organisationen braucht vor allem menschliche Zusammenarbeit.
Ich habe diesen Zusammenhang immer wieder bei Kundinnen und Kunden erlebt, für die wir Change-Programme auf Teamebene durchgeführt haben – darunter IBM, Toyota, Olympia-Teams und das Außenministerium.
Die Debatte um Technologie ist deshalb so hitzig, weil es keine einheitlichen Begriffe gibt. Bei Skalierung, Aufbau und Umbau von Organisationen haben die meisten einen kurzfristigen Blick auf die „Klugheit“ von KI, egal was sie offiziell bekunden. In diesem Moment der Geschichte sind sie verliebt in die kurzfristigen Versprechen großer Einsparungen bei den Personalkosten, dem größten Einzelposten für fast alle Unternehmen.
Erwartung vs. Realität vs. Rückblick
Diese utopische Vorstellung – mehr aus Hoffnung als aus Planung geboren – wird sich als weit komplizierter herausstellen als erwartet, so wie sich die Automatisierung als überraschend anspruchsvoll erwies, als der Webstuhl in den 1880ern Tausende von Arbeitsplätzen ersetzte. Die Technologie kam, aber nicht mit wundersamer Leichtigkeit. Die Arbeitgeber vergaßen, dass Webstühle teuer waren, leicht kaputtgingen, bei Ausfall keine Produktion lief, sie ständig ersetzt werden mussten, schwierig umzurüsten waren, wenn sich Märkte veränderten – und dass noch immer viele Menschen für Wartung und Betrieb benötigt wurden.
Auch hiervon habe ich persönlich bei einem Kunden – einem großen Fahrzeughersteller – Erfahrungen gesammelt, als er darum kämpfte, die Produktion aufrechtzuerhalten und gleichzeitig automatisierte und robotergestützte Fertigungsstraßen an neue Modelle anzupassen.
Arbeitnehmer hingegen konzentrieren sich nicht darauf, wie viel Geld das Unternehmen sparen möchte, sondern machen sich vielmehr Sorgen um ihre Arbeitsplätze. Sie sehen das KI-Argument aus einer ganz anderen Perspektive, einer, in der sie überhaupt keine Entlastung vom Arbeitsdruck und den Fristen erfahren, sondern schlicht ihr Produktionsvolumen in denselben Stunden, unter ähnlichen Bedingungen und vermutlich bei weniger Arbeitsplätzen erhöhen – genauso wie damals ihre Vorgänger in der Weberei. In letzter Zeit spreche ich viel mit mittleren Führungskräften, die in dieser Situation gefangen sind, überrannt von überquellenden E-Mails und Ablagen, während gleichzeitig ihre eigenen Stellen gefährdet sind.
Lassen wir uns ehrlich zu uns selbst sein…
Der Traum, für weniger Arbeit dasselbe Gehalt zu erhalten, weil Tätigkeiten automatisiert werden, ist ein Wunschtraum, der so alt ist wie der Arbeitsplatz selbst. Es macht aus ökonomischer Sicht einfach keinen Sinn für den Arbeitgeber, dies zu tun. Arbeitgeber werden immer versuchen, die größtmögliche Arbeitsleistung bei geringstmöglichen Lohnkosten zu erzielen – aus demselben Grund, aus dem ein Trinkglas immer bis zum Rand gefüllt wird, sobald es in einen Eimer getaucht wird. Das Glas füllt sich nicht magisch nur zur Hälfte, bloß weil sich der Eimer geändert hat. Und jeder Betrieb verfügt über eine endlose Versorgung mit randvollen Eimern.
Kluge Organisationen wissen das. Sie wissen außerdem, dass alle Unternehmen unabhängig von der Technik atmen – meist aufgrund von Marktkräften. An einigen Tagen atmen sie ein, stellen Personal ein, um neue oder erweiterte Aufgaben zu übernehmen. An anderen Tagen atmen sie aus, bauen Personal ab, um sich für neue Herausforderungen oder veränderte Rahmenbedingungen schlank aufzustellen.
Dieser Prozess des Ein- und Ausatmens ist fortwährend, und weitsichtige strategische Führungskräfte sehen dies voraus und planen entsprechend – statt bei jedem Ein- und Ausatmen in Panik zu geraten. Niemand weiß, wie sich die Einführung von KI kurzfristig netto auswirken wird – werden Arbeitsplätze unter dem Strich wirklich mehr oder weniger? – und über die langfristigen Effekte weiß man noch weniger.
Wenn Sie schon einmal Venus Williams Tennis spielen gesehen haben, wissen Sie, wie weise Unternehmen mit dieser Realität umgehen. Venus stand zu ihren besten Zeiten meist in der Mitte des Platzes; das gab ihr maximale Flexibilität und einen gleich weiten Weg zu jedem Ball, ganz egal, wo dieser landete.
Kluge Führungskräfte gehen mit einem instabilen, disruptiven und höchst chaotischen Umfeld um, indem sie ihre Organisationen im Gleichgewicht entwickeln – einerseits mit den Anforderungen von Aufgaben und Intellekt, andererseits mit denen von Geist und Gefühl. Aufgaben und Intellekt sind essenziell für das Bewältigen des Alltagsgeschäfts und des „Lärms“ des Business. Doch Geist und Gefühl sind unverzichtbar für die Bedürfnisse, Loyalität, Bindung und Optimierung der Menschen. Wenn gegnerische Spielerinnen gegen Venus Williams verloren, dann fast immer, weil sie das Gleichgewicht in der Spielfeldmitte vergaßen und sich in einer Ecke festliefen, wodurch sie zu weit vom Geschehen entfernt waren, um noch flexibel reagieren zu können.
Konzentrieren Sie sich auf Ihre Verbündeten… die echten
Deshalb: Lassen Sie sich nicht auf unsinnige Debatten ein, ob KI gut oder schlecht ist. Tatsache ist, sie ist da. Die andere Tatsache ist: Ihre Mitarbeitenden sind viel wichtiger – das waren sie schon immer. Während Sie Ihr Unternehmen skalieren, neu ausrichten und anpassen, um mit den Herausforderungen durch geänderte Vorgaben, Kostendruck, Marktveränderungen und den Unterschied zwischen Hype und Realität bei Technologien wie KI umzugehen, bleiben Sie in der Spielfeldmitte.
Holen Sie sich guten Rat von Ihren guten Leuten – denen, die Sie durch intensive Investitionen gehalten haben – und Sie werden es schaffen, in einer Position zu bleiben, in der Sie zum Geschehen springen können, egal wie sich die Marktdynamik entwickelt. Natürlich werden Sie dazu auch Technologie nutzen – aber denken Sie daran: Technologie ist ein guter Diener und ein schlechter Herr.
Investieren Sie, investieren Sie, investieren Sie – in den Menschen. Ich verspreche Ihnen: Die Ergebnisse werden Sie überraschen.
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