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Derzeit identifiziert sich nur etwa jede vierte Beschäftigte in der Technologiebranche als Frau. Was braucht es also, um als Frau eine erfolgreiche Karriere im Technologiebereich zu machen? In dieser Interviewreihe namens Frauen in Tech sprechen wir mit erfolgreichen Führungskräften der Technologiebranche, um Geschichten und Einblicke zu teilen, wie sie sich ihre erfolgreiche Laufbahn aufgebaut haben. Außerdem sprechen wir über die notwendigen Schritte, um ein großartiges Technologieprodukt zu entwickeln. Im Rahmen dieser Serie hatte ich das besondere Vergnügen, Tamar Rosati zu interviewen.

Tamar Rosati

Tamar Rosati

Als Chief Product Officer bei Honor Technology bringt Tamar Rosati umfangreiche Produkterfahrung sowohl aus Start-ups als auch aus großen börsennotierten Unternehmen wie Citigroup, Apple, Trulia und Granular mit. Von der Leitung von Teams unterschiedlicher Größe in Produktentwicklung und Produktmanagement über Design, Engineering und Datenwissenschaft hinweg umfasst ihre Expertise: produktorientiertes Wachstum, B2B2C- und Marktplatz-Erfahrungen, die Produktisierung von Datenwissenschaft/Künstlicher Intelligenz, Management von Multi-Produkt-Portfolios, nutzerzentriertes Produktdesign, Produktanalytik und Produktstrategie sowie Unternehmensstrategie, Finanzen und Marketing. Tamar erhielt ihren Bachelor of Science von der Georgetown University und ihren MBA von der Haas School of Business an der University of California, Berkeley.

Vielen Dank, dass Sie an dieser Interviewreihe teilnehmen! Bevor wir ins Thema einsteigen, möchten unsere Leserinnen und Leser mehr über Sie erfahren. Können Sie uns eine Geschichte erzählen, wie Sie zu Ihrem jetzigen Karriereweg gekommen sind?

Ironischerweise habe ich mir nie eine Karriere in der Technologiebranche vorgestellt. Eigentlich habe ich meine Laufbahn im Investment Banking begonnen. Die spannendste und erfüllendste Aufgabe zu dieser Zeit war die Entwicklung eines neuen innovativen Finanzprodukts für Kunden in Lateinamerika. Das hat meine Neugier auf Produktmanagement und Technologie geweckt, was mich dann zum Studium und anschließend in die Tech-Branche geführt hat.

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Es heißt oft, dass Fehler unsere größten Lehrmeister sind. Können Sie uns eine Geschichte über den lustigsten Fehler erzählen, den Sie am Anfang gemacht haben? Was haben Sie daraus gelernt?

Schon früh habe ich gelernt, wie wichtig es im Produktbereich ist, die Auswirkungen der eigenen Arbeit richtig einzuschätzen. Beim ersten Projekt als Produktmanagerin habe ich dem Vertriebsteam geschätzt, dass wir mit einer einfachen Seitenneugestaltung die Leads um 300 % steigern würden. Wenn es doch nur so einfach wäre! Wir mussten danach erst mal viele Leads wieder reinholen! 

Was war Ihrer Meinung nach der entscheidende Moment Ihrer Karriere?

Beide prägenden Momente in meiner Karriere wurden von Führungskräften möglich gemacht, die sehr viel Vertrauen in mich gesetzt haben. Ohne diese Führungspersönlichkeiten, die mein Potenzial erkannt und mir Chancen gegeben haben, wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin. Das erste Mal war beim Wechsel vom Finanzbereich ins Produktmanagement in meinem ersten Tech-Unternehmen. Unser CFO sah in mir das Potenzial zur Führungskraft im Produktmanagement und half mir beim Übergang. In meinem nächsten Unternehmen setzte unser CEO ähnlich großes Vertrauen in mich – er beförderte mich quasi über Nacht von einer Teamleitung mit wenigen Mitarbeitenden zur Leitung der gesamten Produktentwicklungsorganisation mit 250 Personen.

Können Sie eine Geschichte über die schwierigen Zeiten erzählen, die Sie am Anfang Ihrer Reise durchgemacht haben? Haben Sie je ans Aufgeben gedacht? Woher haben Sie die Motivation genommen, trotzdem weiterzumachen?

Der Beginn meines Weges im Produktmanagement war sehr ernüchternd. Ich hatte keine Ahnung, was ich tat. Was ist SQL? Was unterscheidet UI und UX? Ich verdanke es ein paar wirklich geduldigen Kolleginnen und Kollegen – dem leitenden Entwickler, mit dem ich arbeitete, und einem weiteren Projektmanager –, dass ich so großzügige Erklärungen für meine ganz grundlegenden Fragen zur Produktentwicklung bekam. Ich habe mir damals sogar ein Buch gekauft, das erklärte, wie Webtechnologien funktionieren.

Ich war schon immer sehr ausdauernd – meine Mutter hat mir schon als Kind gesagt, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann schaffe ich es auch, egal wie. Als ich in den Produktbereich wechselte, war ich sehr motiviert zu lernen, wie man mit Technologie neue (Erlebnis-)Welten erschafft. Genau das hat mich an der Rolle als Produktmanagerin begeistert.

Wir würden gern mehr über Ihr Unternehmen erfahren. Welches Problem geht Ihr Unternehmen an? Wie hilft Ihr Unternehmen Menschen?

Honor Technology führt das weltweit größte Netzwerk für häusliche Pflege und nutzt eine einzigartige Technologieplattform, um die bestmögliche Versorgung für ältere Menschen zu bieten. Laut AARP möchten fast 90 % der Erwachsenen über 65 Jahre im Alter am liebsten zu Hause leben, da das eigene Zuhause oft der sicherste Ort für sie ist. Damit dies möglich wird, muss die Branche der häuslichen Pflege ihre Belegschaft um 30 % vergrößern, denn nahezu 71 Millionen Babyboomer erreichen bald das Alter, in dem sie auf Unterstützung angewiesen sind.

Honor sucht Lösungen für die bevorstehende Krise in der Altenpflege. Durch unser Franchise-Netzwerk für häusliche Pflege, Home Instead, wollen wir älteren Erwachsenen eine individuellere Betreuung bieten, indem wir innovative und erweiterte Angebote sowohl für Pflegekräfte als auch für Klient:innen bereitstellen. Das Herzstück unserer Technologie ist unsere Honor Care App, die es nicht nur ermöglicht, Pflegekräfte mit den passenden Klient:innen zu verbinden, sondern auch fortlaufende Schulungen, in Echtzeit aktualisierte Pflegepläne, volle Autonomie und Kontrolle über die Arbeitszeitplanung anbietet, die zu den jeweiligen Fähigkeiten passt. Durch den Einsatz von Technologie bieten wir Pflegekräften ein besseres Arbeitsumfeld, was letztlich auch zu besseren Erlebnissen bei den Klient:innen führt.

Wenn jemand ein großartiges Unternehmen führen und großartige Produkte entwickeln möchte, welche Eigenschaft ist dafür am wichtigsten und welche Gewohnheiten oder Verhaltensweisen würden Sie empfehlen, um diese besondere Eigenschaft zu stärken?

Leidenschaft ist essenziell. Als Produktverantwortliche:r ist es enorm wichtig, dass man sich wirklich für die Probleme engagiert, die man in der Welt lösen möchte, und sich dafür begeistert. Das Team und das gesamte Unternehmen werden von der eigenen Energie, Begeisterung und Leidenschaft angesteckt. Überlegen Sie, welche Probleme, die durch Technologie gelöst werden können, Sie nachts wachhalten und morgens voller Tatendrang aus dem Bett springen lassen.

Kommen wir als Nächstes zum Thema Teams. Gibt es eine Team-Management-Strategie oder ein Framework, das Sie für den Produktentwicklungsprozess als besonders hilfreich empfunden haben?

Ich folge der Philosophie der „empowerte Produktteams“, ein Begriff geprägt von Marty Cagan, Autor von „Inspired“ und Gründer der Silicon Valley Product Group. Das Konzept besagt, dass alle vier „Stuhlbeine“ – Produktmanagement, Design, Engineering, Data Science – in Produktteams organisiert werden, die umfassende Einblicke in Geschäfts- und Produktstrategie erhalten. Diese Teams bekommen eine Aufgabe oder ein Problemfeld zugewiesen, die sie selbstständig lösen sollen, und sind dabei für den Erfolg (nicht nur für die Auslieferung von Features) verantwortlich. Ich habe erlebt, wie diese Struktur die Kreativität und Innovationskraft enorm steigert. Wenn man die geballte kreative Kompetenz so unterschiedlicher Disziplinen (Daten, Technik, Nutzererfahrung, Wirtschaft) auf die gleiche Aufgabe ausrichten kann, entsteht echte Magie.

Wenn Sie an das stärkste Team denken, mit dem Sie je gearbeitet haben, warum hat dieses Team so gut funktioniert? Können Sie eine Begebenheit nennen, die diese Dynamik anschaulich macht?

Die stärksten Teams, mit denen ich gearbeitet habe, zeichnen sich durch folgende Merkmale aus:

  • Ein hohes Maß an psychologischer Sicherheit – die Teammitglieder haben großes Vertrauen, Respekt und zeigen genug Offenheit, um die schwierigen Fragen zu stellen und sich gegenseitig konstruktiv und produktiv herauszufordern, sodass alle besser werden.
  • Ein hohes Maß an Ergebnisverantwortung und ein gemeinsames Leistungsniveau, das sehr hoch angesetzt wird.
  • Leichtigkeit – das bedeutet, sich auch auf persönlicher Ebene zu verbinden, einen Witz zu machen und sich einander verbunden zu fühlen. Man kann seine Arbeit ernst nehmen, starke Resultate erzielen und trotzdem an den kleinen Momenten der Leichtigkeit Freude haben.

Wenn Sie nur ein Software-Tool zur Verfügung hätten, welches wäre es, warum, und welche anderen Tools sind für Sie unverzichtbar?

Ich könnte mir meine Arbeit ohne Slack, Google Docs und Figma nicht vorstellen. Gut geschriebene, strukturierte und organisierte Gedanken in Texten und durch Visualisierung sind das Lebenselixier von Produktmenschen.

Lassen Sie uns über Erholungsphasen sprechen. Was ist Ihre persönliche Strategie oder Ihr Ritual, um ein Ausbrennen zu vermeiden?

Ich habe zwei Kleinkinder, also sind ruhige Momente selten, aber wenn ich sie finde, mache ich gerne Yoga (die heiße Variante!). Ich habe auf die harte Tour gelernt, wie wichtig es ist, auf die eigenen frühen Warnsignale für ein drohendes Burnout zu achten. Ich merke es selbst daran, wie ich meiner Familie und meinen Kolleg:innen begegne und an der Qualität meines Denkens als Führungskraft. Es ist wirklich wichtig, bei diesen ersten Anzeichen sofort abzuschalten und sich eine mentale Auszeit von der „Arbeit“ zu nehmen – für einen Nachmittag, Abend oder ein langes Wochenende. Sie werden zurückkommen und als Führungskraft noch produktiver und effektiver sein. 

Welche „Fünf Schritte, die notwendig sind, um großartige Technologieprodukte zu entwickeln“, haben sich aus Ihrer Erfahrung ergeben? Wenn möglich, teilen Sie bitte zu jedem Schritt eine Geschichte oder ein Beispiel.

  1. Kennen Sie Ihr Problem. So viel Zeit und Ressourcen in der Produktentwicklung gehen verloren, weil Lösungen verfolgt werden, ohne dass das zu lösende Problem wirklich klar ist. Wenn Sie anfangs Zeit und Arbeit in die Definition des Problems investieren, ersparen Sie sich viele Produktmisserfolge. 
  1. Setzen Sie sich intensiv mit dem Problem auseinander. Arbeiten Sie unermüdlich daran, das Problem, das Sie lösen möchten, umfassend zu verstehen und nahezu zu „besitzen“. Erwerben Sie alle möglichen Informationen darüber, verbringen Sie viel Zeit mit den Endnutzer:innen, sprechen Sie mit Fachexpert:innen, analysieren Sie Wettbewerber:innen und durchleuchten Sie das Problem aus allen Blickwinkeln.
  2. Finden Sie Ihre Innovatoren. Manche Menschen sind von Natur aus sehr kreative Köpfe und bewegen sich in der Welt des Möglichen. Finden Sie heraus, wer das in Ihrem Umfeld ist, und greifen Sie bei schwierigen Fragestellungen gezielt auf deren Kreativität zurück.

    Ich habe immer meine bevorzugten Data Scientists und Engineers, die ich für neue Ideen anspreche. Lernen Sie, wie Sie einen klaren Kontext und eine gute Problembeschreibung liefern, damit Innovatoren Ihre neuartigen Denkansätze zur Lösungsfindung einbringen können.
  1. Testen, testen und nochmals testen. Es gibt viele Möglichkeiten, eine Produktlösung zu testen, bevor eine Ingenieurin oder ein Ingenieur auch nur eine einzige Zeile Code schreibt. Konzepttests, Prototyping, Usability-Tests, Entwicklung technischer POCs – je schneller Sie testen und validieren können, desto besser. Konzepte, die früh scheitern, sollten gefeiert werden – das bedeutet, dass Sie die Ideen, die keine Zukunft haben, schnell verwerfen, sich den funktionierenden widmen und sich darüber freuen können, wie Sie wertvolle Entwicklungszeit eingespart haben, indem Sie etwas nicht gebaut haben, das nie funktionieren würde!

    Es ist sehr leicht, sich an eine Lösung zu klammern, aber wenn Sie sich auf das Problem konzentrieren und daran "festhalten", können Sie gegenüber der Lösung neutral bleiben.
  1. Gehen Sie kalkulierte Risiken ein. Wenn Sie nicht bei jedem Launch ein wenig nervös sind, spielen Sie vermutlich zu sicher. Natürlich kann man im Vorfeld vieles testen und Risiken minimieren, aber ein kleines Unbehagen sollte immer bleiben – sonst innovieren Sie wahrscheinlich nicht auf dem Niveau, das man eigentlich braucht.

Sind Sie aktuell mit dem Status quo bezüglich Frauen in der Tech-Branche zufrieden? Welche konkreten Veränderungen sind nötig, um den Status quo zu verändern?

Ich hatte das Glück, während meiner gesamten Karriere von starken weiblichen Führungskräften in der Tech-Branche umgeben zu sein.

Gibt es eine Person auf der Welt, mit der Sie gerne ein privates Frühstück oder Mittagessen hätten – und warum?

Ich zerbreche mir bei dieser Frage immer den Kopf und lande dann doch immer am gleichen Punkt … Am liebsten würde ich mit meinen verstorbenen Großeltern frühstücken oder zu Mittag essen, die ich nie kennenlernen durfte. Ich bin Armenierin und die erste Generation in den USA. Ich würde so gerne mehr über die reiche Geschichte und die Lebensreise meiner Großeltern erfahren.

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Hannah Clark

Hannah Clark ist die Redakteurin des CPO Clubs. Nach sechs Jahren Erfahrung in der Tech-Branche wechselte sie ins Content-Marketing. Im vergangenen Jahrzehnt arbeitete sie überwiegend in Marketingagenturen und bot freiberufliche Dienstleistungen in Markenbildung und Content-Entwicklung an. Heute ist sie digitale Verlegerin und hat das Privileg, mit den brillantesten Stimmen der Produktwelt zusammenzuarbeiten. Getrieben von unstillbarer Neugier und dem Wunsch, Menschen zu verbinden, ist es ihre Mission, eine lebendige, inspirierende Community von Produktmenschen zu schaffen.













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